Internationales Radquer Dagmersellen

Vorschau-2 Radquer 14

Herr Rocha, in der Schweizer Radquerszene tut sich etwas. 12 internationale Radquers, dazu die Schweizer Meisterschaft in Aigle und die Weltmeisterschaft der Master in Gossau finden in dieser Saison in der Schweiz statt. Ist die Schweiz auf dem Weg zurück zur Radquer-Weltmacht?

Christian Rocha: Schön wäre es. So schnell geht das aber auch im Radquer nicht. Es ist zwar unverkennbar, dass sich in der Schweiz in den letzten Monaten einiges in Bewegung gekommen ist. Wenn wir den Blick aber beispielsweise nach Belgien richten, wird klar, dass wir in allen Belangen noch meilenweit von der Weltspitze entfernt sind.

Wie konnte das passieren? In den 1970er, 80er und 90er Jahre waren die Schweizer das Mass aller Dinge im Radquer…

Das ist richtig. Seither sind aber 20 Jahre vergangen und in dieser Zeit haben verschiedene Entwicklungen zu einem erheblichen Bedeutungsverlust der Sportart Radquer in der Schweiz geführt.

Welche Entwicklungen meinen Sie?

Auf sportlicher Ebene hat dem Radquer das Aufkommen des Mountainbikes eindeutig geschadet. Als Mountainbike olympisch wurde, haben reihenweise starke Querfahrer die Sportart gewechselt. Man verpasste es, in allen Bereichen, dringend nötige Änderungen vorzunehmen, um dem schwindenden Interesse von Zuschauern, Sponsoren und Medien entgegen zu wirken. In der Schweiz kam dazu, dass in jener Zeit beim Verband einiges im Argen lag. Schliesslich bekamen auch viele Veranstalter Mühe, da es immer schwieriger wurde, Sponsoren zu finden. Eines hat das andere beeinflusst, so dass es immer weiter nach unten ging.

Und nun? Hat der Schweizer Radquersport die Talsohle erreicht?

Ich bin überzeugt, dass die Talsohle bereits durchschritten ist. Wie gesagt, hat sich in jüngster Vergangenheit bereits einiges getan, um dem Radquer neues Leben einzuhauchen. Aber es ist klar, dass eine solche Entwicklung Zeit braucht und die positiven Auswirkungen in Form von starken Resultaten der Schweizer Athleten, grossem Publikumsinteresse oder gar Fernsehpräsenz nicht von heute auf morgen zu sehen sind.

Sie selbst sind als Präsident der neu geschaffenen EKZ CrossTour wesentlich an der Aufbruchsstimmung beteiligt. Was motiviert Sie, sich für den Radquersport einzusetzen?

Es ist die Faszination dieser einzigartigen Sportart. Aus meiner Sicht gibt es kaum eine andere Disziplin innerhalb des Radsports, die für die Zuschauer derart attraktiv ist. Die Strecken sind übersichtlich, die Renndauer mit einer Stunde vergleichsweise kurz und der Kampf Mann gegen Mann einfach packend. Dazu kommen die oft harten äusseren Bedingungen, welche jedes Radquer zu einem Spektakel werden lassen.

Am vergangenen Sonntag ist die erste Austragung der EKZ CrossTour mit dem Rennen in Eschenbach/SG zu Ende gegangen. Wie fällt ihr Fazit aus?

Wir sind sehr zufrieden. Als wir uns Ende des letzten Jahres entschieden, diese neue Schweizer Radquer-Serie zu lancieren, war die Zeit schon sehr knapp. Darauf, was wir in dieser Zeit erreicht haben, können wir stolz sein. Wir haben mit dem ersten Jahr eine gute Basis geschaffen. Natürlich wollen wir uns noch weiter entwickeln und haben auch in allen Bereichen noch Potenzial, besser zu werden.

Momentan umfasst die Rennserie vier Rennen. Bis in zwei Jahren sollen es sechs sein. Ist es ein Thema das internationale Radquer von Dagmersellen in die Serie zu integrieren?

Ein derart traditionsreiches und erfolgreiches Quer wie jenes von Dagmersellen müsste bei einer Schweizer Rennserie eigentlich dabei sein. Aufgrund des seit Jahren fixen Austragungstermins am Stephanstag ist das jedoch fast nicht möglich. Weil gleichentags stets ein Weltcup-Rennen stattfindet, sind einige der besten Schweizer dann nicht am Start. Und ein Hauptziel der EKZ CrossTour ist es, nicht zuletzt die Schweizer Athleten zu pushen. Abgesehen davon hat das internationale Radquer von Dagmersellen alles, um langfristig weiter zu bestehen, auch ohne Teil einer Schweizer Rennserie zu sein.

Was macht den Erfolg des Dagmerseller Quers denn aus?

Es ist das, was das Ziel aller neu geschaffenen Radquer-Events in der Schweiz sein muss: Das Radquer in Dagmersellen hat weit über die Gemeinde hinaus einen festen Platz in der Wahrnehmung der Leute. Es ist in der Region bei Sponsoren, Fans und Helfern gut verankert. Der Stephanstag wird hier direkt mit dem Radquer in Verbindung gebracht. Für viele der Zuschauer kommt es gar nicht in Frage, am Stephanstag etwas anderes zu machen, als ans Dagmerseller Radquer zu gehen. Dazu kommen natürlich die attraktive und übersichtliche Strecke mit der spektakulären Abfahrt, eine seit Jahren tadellose Organisation und nicht zuletzt die tolle Party im Anschluss an die Rennen.

Sportlich gesehen war das Dagmerseller Radquer in den letzten Jahren aber eher eine einseitige Angelegenheit. Francis Mourey ist mittlerweile Rekordsieger und gewann zuletzt sechs Mal in Serie. Ist heuer jemand in Sicht, der den Franzosen schlagen könnte?

Man muss sich vor Augen führen, dass es sich bei Francis Mourey um einen Athleten handelt, der sich seit Jahren in den Top Ten der Radquer-Weltrangliste aufhält. Dass ein solcher Weltklassemann überhaupt regelmässig in Dagmersellen startet, ist an sich schon ein absoluter Glücksfall. Es ist aber auch klar, dass bei den Kontrahenten alles, aber wirklich alles stimmen muss, um ihn einmal zu schlagen. Mit Blick auf die Startliste traue ich es am ehesten Lukas Flückiger zu. Er hat schon einige Male - auch in Dagmersellen – bewiesen, dass er Francis Mourey richtig fordern kann. Aber dafür muss er am Stephanstag in absoluter Topform sein.

Schauen wir noch etwas weiter in die Zukunft. Wird es in absehbarer Zeit wieder Schweizer Radquerfahrer geben, die im Weltcup regelmässig in die Top Ten fahren oder darf man gar von einem Schweizer Weltcup-Rennen träumen?

Beides lässt sich nicht auf die Schnelle erzwingen. Was ein Schweizer Weltcup-Rennen betrifft, so hat das aus meiner Sicht keine Priorität. Alle, denen der Schweizer Radquersport am Herzen liegt, streben eine kontinuierliche Entwicklung an. Wir sollten uns Schritt für Schritt verbessern. Ziel muss es sein, die Anzahl Rennen auf mindestens diesem Niveau zu halten. Die Früchte der Arbeit, die jetzt begonnen hat, wird man frühestens in 5 oder gar 10 Jahren ernten können. Aber Garantien gibt es auch im Radquer keine.

* (Portraitbild von Christian Rocha) Christian Rocha ist gelernter Primarlehrer und seit Oktober 2011 Nationalcoach der Frauen-Nationalmannschaft Strasse. Er ist OK-Präsident des im September 2011 erstmals durchgeführten Süpercross von Baden und seit diesem Jahr auch Direktor der neugeschaffenen EKZ CrossTour. Christian Rocha selbst fuhr als Aktiver mehr als zehn Jahre Strassenrennen, sechs davon als Elite-Amateur. Am Stephanstag amtete er im vierten Jahr hintereinander als Speaker des internationalen Radquers von Dagmersellen.

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